Viele pflegende Angehörige berichten von emotionaler Erschöpfung. Sie kümmern sich um ihre Lieben, vergessen dabei aber oft sich selbst.
Achtsamkeit klingt nach Wellness-Trend. In der Pflege kann es eine Überlebensstrategie sein. In diesem Artikel erfahren Sie, was Achtsamkeit in der Pflege wirklich bedeutet und welche einfachen Übungen im Alltag helfen.
Was Achtsamkeit in der Pflege wirklich bedeutet
Es bedeutet NICHT:
- Alles mit einem Lächeln ertragen
- Niemals genervt sein dürfen
- Meditation als Lösung für echte Probleme
- Noch eine Aufgabe auf der To-Do-Liste
Es bedeutet:
Den Moment wahrnehmen, ohne ihn zu bewerten.
Wenn Sie bei einer unangenehmen Pflegetätigkeit Ekel empfinden – dann empfinden Sie Ekel. Das ist menschlich. Achtsamkeit heißt nicht, den Ekel wegzudrücken. Es heißt: "Okay, ich empfinde gerade Ekel. Das ist so. Und jetzt mache ich weiter."
Der Unterschied zu "positiv denken"
Positiv denken: "Ich sollte mich nicht ärgern" – Gefühle unterdrücken – Selbstvorwürfe
Achtsamkeit: "Ich ärgere mich gerade. Okay." – Gefühle wahrnehmen – Selbstmitgefühl
In einem Flugzeug heißt es: Bei Druckabfall zuerst selbst die Maske anlegen. In der Pflege vergessen wir das oft. Wir können nicht für andere sorgen, wenn wir selbst keine Luft mehr bekommen.
Drei Übungen, die wirklich funktionieren
1. Die 3-Atemzüge-Pause
Wann: Bevor Sie ins Zimmer gehen. Bevor Sie antworten. Bevor Sie explodieren.
Wie:
- Einatmen. Wahrnehmen: Mein Körper atmet ein.
- Ausatmen. Wahrnehmen: Mein Körper atmet aus.
- Einatmen. Wahrnehmen: Ich bin hier.
Dauer: 15 Sekunden. Keine Ausreden.
2. Die Körper-Inventur
Wann: Morgens vor dem Aufstehen. Abends im Bett.
Wie: Wie fühlen sich meine Füße an? Meine Beine? Mein Bauch? Meine Schultern? Mein Gesicht?
Nicht bewerten. Nur wahrnehmen. "Meine Schultern sind angespannt" – fertig.
Warum: Wir merken oft nicht, wie angespannt wir sind, bis der Körper zusammenbricht.
3. Der bewusste Moment
Wann: Bei einer alltäglichen Tätigkeit – Kaffee kochen, Hände waschen.
Wie: Was sehe ich gerade? Was höre ich? Was fühle ich?
Warum: Das Gehirn kann nicht gleichzeitig im Jetzt sein UND sich Sorgen machen.
Die schwierigen Gefühle – und warum sie okay sind
Sie dürfen:
- Genervt sein – nach dem 50. Mal dieselbe Frage ist das normal
- Trauern – auch wenn die Person noch lebt, trauern Sie um das, was war
- Wütend sein – auf die Situation, auf die Krankheit
- Erschöpft sein – ohne "Burnout" als Rechtfertigung zu brauchen
- Erleichtert sein – wenn es vorbei ist. Das macht Sie nicht herzlos.
Der Unterschied zwischen Fühlen und Handeln
Ein Gedanke ist ein Gedanke. Ein Gefühl ist ein Gefühl. Sie sind nicht Ihre Gedanken. Sie müssen nicht auf jeden reagieren.
Gedanken wie "Ich kann nicht mehr" zu haben, macht Sie nicht zu einem schlechten Menschen. Es macht Sie zu einem Menschen mit Grenzen.
Grenzen setzen – ohne schlechtes Gewissen
Was Sie NICHT tun müssen:
- Jede Bitte sofort erfüllen
- 24/7 erreichbar sein
- Alles alleine schaffen
- Ihre eigenen Bedürfnisse komplett zurückstellen
Konkrete Sätze, die Sie üben können:
- "Ich brauche 10 Minuten für mich."
- "Das kann ich gerade nicht."
- "Ich hole jemanden dazu."
- "Ich bin überfordert und brauche Hilfe."
Hilfe holen ist Stärke
Entlastungsmöglichkeiten:
- Tagespflege: Stundenweise Entlastung
- Verhinderungspflege: Urlaubsvertretung (Pflegekasse zahlt)
- Kurzzeitpflege: Wochen-Entlastung
- Selbsthilfegruppe: Austausch mit Gleichgesinnten
- Psychotherapie: Professionelle Begleitung
Kontakte:
- Pflegestützpunkte: Kostenlose Beratung, Ansprüche klären
- Pflegetelefon: 030 - 20 17 91 31
- Telefonseelsorge: 0800 - 111 0 111
Warnsignale: Wann ist es zu viel?
Körperlich: Häufige Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Schlafprobleme, häufige Infekte
Psychisch: Anhaltende Traurigkeit, Wut die nicht vergeht, Gefühl der Leere, keine Freude mehr an Dingen die früher Spaß machten
Bei mehreren dieser Zeichen: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Das ist keine Schwäche.