Der Morgen beginnt wie so oft: Sie helfen Ihrer Mutter aus dem Bett, heben sie hoch – und spüren sofort den stechenden Schmerz im unteren Rücken. Viele pflegende Angehörige kennen chronische Rückenbeschwerden aus ihrem Alltag. Dabei lässt sich die Belastung mit den richtigen Techniken deutlich reduzieren.
Warum falsche Hebetechniken Ihre Gesundheit gefährden
Unser Körper ist nicht dafür ausgelegt, täglich 60 bis 80 Kilogramm ohne Hilfsmittel zu bewegen. Trotzdem versuchen Millionen Angehörige genau das – mit schmerzhaften Folgen. Die Bandscheiben verschleißen schneller, Muskelverspannungen werden chronisch. Bis die eigenen Beschwerden chronisch werden und Sie selbst auf Unterstützung angewiesen sind.
Professionelle Pflegekräfte lernen bereits im ersten Ausbildungsjahr spezielle Techniken. Diese Methoden entlasten den Rücken und fördern gleichzeitig die Selbstständigkeit der gepflegten Person. Das Problem verschärft sich durch intuitives Handeln: gebeugter Rücken, gestreckte Arme, keine Körperspannung. Genau diese Haltung maximiert die Belastung auf die Lendenwirbelsäule.
Bereits wenige Minuten tägliches Training rückenschonender Techniken können das Verletzungsrisiko deutlich senken. Die meisten Angehörigen erfahren aber erst vom Orthopäden von diesen Methoden – wenn der Schaden bereits entstanden ist. Präventives Lernen ist einfacher als spätere Rehabilitation. Ihre Bandscheiben danken es Ihnen.
"Drei Jahre lang habe ich meine Mutter falsch gehoben – mit meinen 68 Kilo auf 1,62 Meter war ich körperlich am Ende. Dann zeigte mir eine ambulante Pflegerin die Kinästhetik-Methode. Besonders das seitliche Begleiten beim Gehen statt zu ziehen hat alles verändert. Seitdem bewege ich Mama mit einem Bruchteil der Kraft. Meine Bandscheibenvorfälle haben sich nicht verschlimmert, und ich kann wieder durchschlafen ohne Schmerzmittel. Hätte mir das bloß jemand am Anfang erklärt." – Sabine K., 54, pflegt ihre Mutter seit 5 Jahren
Rückenschonend pflegen: Die 5 wichtigsten Techniken
Professionelle Pflegekräfte arbeiten nach dem Kinästhetik-Prinzip: Sie nutzen die natürlichen Bewegungsmuster des Körpers und aktivieren die Eigenbewegung der gepflegten Person. Das schont nicht nur Ihren Rücken, sondern erhält auch die Mobilität Ihrer Angehörigen. Je dichter Sie bei der zu pflegenden Person stehen, desto weniger Kraft müssen Sie aufwenden und desto geringer ist die Hebelwirkung auf Ihre Wirbelsäule.
- Aufrichten aus dem Bett: Setzen Sie sich neben die Person aufs Bett, statt sie unter den Armen hochzuziehen. Legen Sie eine Hand hinter ihre Schulter, die andere ans Becken. Führen Sie die Bewegung zum Sitzen, indem Sie das Becken zur Bettkante drehen und gleichzeitig die Schulter anheben. Ihre Angehörigen rollen praktisch ins Sitzen – Sie steuern nur die Richtung und geben minimale Unterstützung.
- Transfer vom Bett zum Rollstuhl: Positionieren Sie den Rollstuhl im 45-Grad-Winkel zum Bett. Ihre Angehörigen setzen sich an die Bettkante, die Füße fest am Boden. Stellen Sie sich frontal hin, Ihre Knie umschließen die Knie der Person. Auf Kommando lehnt sie sich nach vorn (Nase über Zehen), Sie stabilisieren am Becken und begleiten das Aufstehen. Ziehen Sie nicht – führen Sie nur die Bewegung.
- Umlagern im Bett: Nutzen Sie ein Gleittuch oder alternativ ein glattes Bettlaken. Rollen Sie die Person zur Seite, schieben Sie das Tuch unter, rollen Sie sie zurück. Nun bewegen Sie die Person durch Ziehen am Tuch, statt sie anzuheben. Diese Methode reduziert die Kraftanstrengung erheblich und schont Ihre Wirbelsäule nachhaltig.
- Aufstehen vom Stuhl: Ihre Angehörigen rutschen zur Stuhlkante, die Füße hüftbreit und zurückgestellt. Positionieren Sie sich seitlich versetzt, eine Hand am Rücken zur Stabilisierung, die andere am vorderen Arm. Die Person beugt sich vor ("Nase über Zehen"), Sie geben nur einen leichten Impuls nach vorn-oben. Ihre Beine tragen, nicht Ihr Rücken.
- Gehen mit Unterstützung: Vermeiden Sie es, vor der Person zu stehen und sie am Arm zu ziehen – das destabilisiert beide. Positionieren Sie sich seitlich-leicht hinter ihr, eine Hand am Becken (Steuerung), die andere am Oberarm (Sicherheit). Gehen Sie im gleichen Rhythmus mit und korrigieren nur die Richtung, ohne zu zerren oder zu schieben.
Hilfsmittel die den Unterschied machen
Selbst die beste Technik stößt an Grenzen, wenn die körperlichen Voraussetzungen fehlen. Hier kommen Hilfsmittel ins Spiel, die von der Pflegekasse bezahlt werden – viele Angehörige wissen nur nichts davon. Ein höhenverstellbares Pflegebett kostet Sie als Versicherten in der Regel keinen Cent, erspart Ihnen aber tausende Beugungen pro Jahr. Die richtige Arbeitshöhe bedeutet: Sie stehen aufrecht, Ihre Hände berühren die Matratze, ohne dass Sie sich bücken müssen. Allein diese Anpassung reduziert die Rückenbelastung massiv und macht rückenschonend pflegen deutlich einfacher.
Weitere unverzichtbare Helfer sind Aufstehhilfen wie Haltegriffe am Bett oder freistehende Aufrichtehilfen. Diese ermöglichen der gepflegten Person, sich selbstständig hochzuziehen – Sie müssen nur stabilisieren, nicht tragen. Ein Gleittuch sollte in keinem Pflegehaushalt fehlen und kostet nur 10 bis 15 Euro. Für Transfers gibt es Drehscheiben, die das Umsetzen vom Rollstuhl zur Toilette erleichtern, und Rutschbretter für horizontale Transfers zwischen zwei Sitzflächen.
Vergessen Sie nicht Ihre eigene Ausrüstung: Rutschfeste Schuhe mit guter Dämpfung geben Ihnen sicheren Stand bei Transfers. Eine Lumbalbandage stabilisiert bei akuter Belastung, ersetzt aber keine korrekte Technik. Moderne digitale Helfer können Sie außerdem daran erinnern, regelmäßige Mobilisierungsübungen durchzuführen, bevor Ihre Angehörigen zu viel Beweglichkeit verlieren. Die Investition in gute Hilfsmittel amortisiert sich schnell durch vermiedene Arztbesuche und bessere Lebensqualität für beide Seiten.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Nähe statt Kraft: Je dichter Sie bei der zu pflegenden Person stehen, desto weniger müssen Sie heben. Profis tragen fast nie – sie führen Bewegungen und aktivieren die Eigenkraft der Person.
- Eigenbewegung aktivieren: Jede Bewegung, die die gepflegte Person selbst ausführt, schont Ihren Rücken und erhält ihre Selbstständigkeit. Fragen Sie immer: "Können Sie mithelfen?" und geben Sie nur so viel Unterstützung wie nötig.
- Hilfsmittel nutzen: Die Pflegekasse zahlt für Pflegebett, Aufstehhilfen und Transfer-Equipment. Diese Investition lohnt sich durch vermiedene Gesundheitsschäden und mehr Lebensqualität im Pflegealltag.
- Richtige Körperhaltung: Arbeiten Sie aus den Beinen, nicht aus dem Rücken. Halten Sie die Wirbelsäule gerade, spannen Sie den Bauch an, und bewegen Sie sich aus der Hocke – nie mit gebeugtem Oberkörper.
- Regelmäßig üben: Rückenschonende Pflegetechniken müssen in Fleisch und Blut übergehen. Wenige Minuten tägliches Training mit Videos oder Anleitungen verhindern jahrelange Schmerzen und Einschränkungen.