Sabine K. sitzt verzweifelt vor ihrem Laptop. Ihre Mutter, 500 Kilometer entfernt, braucht dringend eine Pflegeberatung nach §37 Absatz 3 SGB XI – doch Sabine kann nicht anreisen. Der Beratungstermin droht zu verfallen, und damit auch das Pflegegeld. Seit 2020 gibt es eine Lösung: Die Videoberatung ist rechtlich anerkannt und bietet pflegenden Angehörigen neue Möglichkeiten, ihre Pflichten zu erfüllen, ohne vor Ort sein zu müssen.
Rechtliche Grundlagen der Videoberatung in der Pflege
Die Corona-Pandemie hat einen längst überfälligen Wandel beschleunigt. Seit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz ist die Pflegeberatung per Video offiziell als gleichwertig zur Beratung vor Ort anerkannt. Konkret bedeutet das: Sie können als pflegender Angehöriger den halbjährlichen Beratungsbesuch nach §37 Absatz 3 SGB XI auch digital absolvieren. Ohne rechtliche Nachteile. Ohne Kürzung des Pflegegeldes. Viele Familien wissen jedoch nicht, wie sie dieses Recht praktisch umsetzen. Die Angst vor technischen Hürden und Datenschutzbedenken hält sie davon ab. Fachkompetenz und digitale Zugänglichkeit bieten enormes Potenzial für Entlastung.
Die gesetzliche Grundlage ist eindeutig: Pflegekassen sind verpflichtet, Videoberatungen als Alternative anzubieten. Beratungskräfte müssen nach §7a SGB XI qualifiziert sein. Sie unterliegen denselben Dokumentationspflichten wie bei Hausbesuchen. Für Sie als pflegenden Angehörigen bedeutet das: Sie haben ein Wahlrecht. Niemand kann Sie zwingen, einen Berater ins Haus zu lassen, wenn eine Videoberatung für Ihre Situation besser geeignet ist. Besonders bei Pflegegrad 2 und 3, wo halbjährliche Beratungen vorgeschrieben sind, oder bei Pflegegrad 4 und 5 mit vierteljährlichen Terminen macht diese Flexibilität einen erheblichen Unterschied im Alltag.
Ein Videoberatungsbericht hat dieselbe Gültigkeit wie ein Hausbesuch. Die Pflegekasse akzeptiert ihn ohne Einschränkungen. Ihr Pflegegeld wird regulär weitergezahlt. Manche Angehörige befürchten, dass eine Videoberatung als weniger gründlich bewertet werden könnte – die Praxis zeigt: Gut geschulte Berater nutzen die Videoberatung für strukturierte Gespräche. Sie können gezielt auf Ihre Fragen eingehen, ohne von äußeren Einflüssen im häuslichen Umfeld abgelenkt zu werden. Die Dokumentation erfolgt digital und ist oft detaillierter als handschriftliche Notizen nach einem Hausbesuch. Das schafft Transparenz und gibt Ihnen Sicherheit.
Anfangs war ich skeptisch, ob eine Beratung per Video wirklich funktioniert. Aber als die Beraterin mir zeigte, wie ich mit einer Pflege-App die Medikamentengabe dokumentieren und mit meiner Schwester in Hamburg koordinieren kann, war das ein Wendepunkt. Heute spare ich mir drei Stunden Anfahrt pro Termin und habe trotzdem mehr Kontrolle über die Pflege meiner Mutter. – Markus, 52 Jahre, pflegender Angehöriger (Name geändert)
Warum traditionelle Beratungsbesuche an ihre Grenzen stoßen
Viele pflegende Angehörige kennen das Problem: Sie leben nicht im selben Haushalt wie die pflegebedürftige Person. Sie arbeiten Vollzeit und jonglieren zwischen Beruf, eigener Familie und Pflegeverantwortung. Ein Beratungsbesuch vor Ort erfordert nicht nur Ihre Anwesenheit. Er verlangt auch eine aufwendige Terminkoordination mit dem Berater, der pflegebedürftigen Person und möglicherweise anderen Familienmitgliedern. Die durchschnittliche Wartezeit für einen Beratungstermin liegt bei drei bis sechs Wochen. Drohen Termine zum Pflegegeld-Stichtag, wird es eng. Hinzu kommt: Viele Beratungsstellen in ländlichen Regionen sind überlastet oder haben lange Anfahrtswege.
Die emotionale Belastung sollte nicht unterschätzt werden. Ein Hausbesuch bedeutet für viele Pflegebedürftige Stress: Sie fühlen sich beobachtet, bewerten ihre Wohnsituation und haben Angst vor negativen Rückmeldungen an die Pflegekasse. Dieser Prüfungsdruck führt dazu, dass wichtige Probleme verschwiegen werden – aus Scham oder Angst vor Konsequenzen. Bei einer Videoberatung hingegen befindet sich die pflegebedürftige Person in ihrer vertrauten Umgebung. Sie kann den Bildschirm ausschalten, wenn es unangenehm wird. Sie hat mehr Kontrolle über die Situation. Studien zeigen: Videoberatungen führen zu ehrlicheren Gesprächen, weil die räumliche Distanz einen Schutzraum schafft.
- Terminknappheit: In städtischen Ballungsräumen sind Beratungstermine oft Wochen im Voraus ausgebucht, auf dem Land fehlen Beratungsstellen komplett.
- Koordinationsaufwand: Sie müssen nicht nur Ihre eigene Arbeit umorganisieren, sondern auch sicherstellen, dass alle relevanten Personen gleichzeitig verfügbar sind.
- Geografische Distanz: Bei Fernpflege bedeutet jeder Beratungsbesuch eine mehrstündige Anreise – unmöglich bei berufstätigen Angehörigen.
- Infektionsrisiko: Gerade bei immungeschwächten Pflegebedürftigen ist jeder Hausbesuch ein gesundheitliches Risiko.
- Fehlende Flexibilität: Beratungsstellen arbeiten oft nur zu Bürozeiten – Videotermine lassen sich auch abends realisieren.
Ein weiterer kritischer Punkt: Die Qualität der Beratung hängt stark vom individuellen Berater ab. Bei Hausbesuchen gibt es keine Möglichkeit, die Beratung aufzuzeichnen oder später nachzuvollziehen, was besprochen wurde. Die mündlichen Empfehlungen verschwimmen in der Erinnerung. Wichtige Details gehen verloren. Videoberatungen ermöglichen es vielen Anbietern, eine schriftliche Zusammenfassung zu verschicken. Das schafft Transparenz und gibt Ihnen die Möglichkeit, die besprochenen Punkte in Ruhe nachzuarbeiten. Außerdem können Sie bei einer Videoberatung problemlos andere Familienmitglieder zuschalten, die an verschiedenen Orten leben.
Der praktische Ablauf einer Videoberatung
Die größte Hürde für viele Angehörige ist die Technik – dabei ist der Aufbau einfacher als gedacht. Sie benötigen lediglich ein Smartphone, Tablet oder Computer mit Kamera und Mikrofon. Dazu eine stabile Internetverbindung. Die meisten Beratungsstellen nutzen gängige, kostenlose Plattformen wie Zoom, Microsoft Teams oder spezialisierte DSGVO-konforme Gesundheits-Videosysteme. Sie erhalten per E-Mail einen Link. Sie klicken darauf und sind im virtuellen Beratungsraum – ohne Installation komplizierter Software. Der Technik-Check sollte etwa 10 Minuten vor dem eigentlichen Termin erfolgen. So haben Sie bei Problemen noch Zeit, diese zu beheben.
Der inhaltliche Ablauf entspricht weitgehend dem einer Vor-Ort-Beratung: Der Berater erkundigt sich nach Veränderungen seit dem letzten Termin. Er bespricht die aktuelle Pflegesituation. Er gibt Empfehlungen zu Hilfsmitteln, Entlastungsangeboten oder pflegerischen Maßnahmen. Der Unterschied: Sie können während des Gesprächs digitale Dokumente teilen. Zum Beispiel aktuelle Arztberichte oder Medikamentenpläne, die der Berater direkt einsehen kann. Moderne digitale Tools ermöglichen es sogar, einen gemeinsamen Kalender zu führen oder automatische Erinnerungen für Medikamenteneinnahmen zu setzen – Funktionen, die weit über eine reine Beratung hinausgehen.
Notieren Sie sich vorab drei bis fünf konkrete Fragen oder Probleme – so verlieren Sie im Gespräch nicht den Faden. Halten Sie wichtige Stichpunkte während der Beratung schriftlich fest, besonders Empfehlungen zu Hilfsmitteln oder Antragsverfahren. Fragen Sie am Ende des Gesprächs nach einer schriftlichen Zusammenfassung – viele Beratungsstellen bieten dies standardmäßig an. Laden Sie bei Bedarf weitere Angehörige zur Videoberatung ein, die nicht vor Ort sein können – das fördert gemeinsame Entscheidungen.
- Vorbereitung: Notieren Sie konkrete Fragen und legen Sie relevante Unterlagen bereit – Medikamentenpläne, Arztberichte, Hilfsmittelverordnungen.
- Technischer Test: Prüfen Sie 10 Minuten vor Termin Kamera, Mikrofon und Internetverbindung – so bleibt Zeit für Problemlösung.
- Dokumentation: Machen Sie sich während des Gesprächs Notizen zu Empfehlungen und vereinbaren Sie, wer welche Schritte umsetzt.
- Nachverfolgung: Fordern Sie eine schriftliche Zusammenfassung an und speichern Sie diese digital für spätere Referenz.
Videoberatungen schaffen Raum für ehrlichere Gespräche über belastende Themen. Wenn Sie als pflegender Angehöriger über Überforderung, Schlafmangel oder finanzielle Sorgen sprechen möchten, fällt dies vielen Menschen am Bildschirm leichter. Die räumliche Distanz senkt die Hemmschwelle. Sie können das Gespräch jederzeit unterbrechen, wenn es zu emotional wird. Seriöse Berater sind darin geschult, auch nonverbale Signale über Video wahrzunehmen und sensibel darauf zu reagieren. Nach der Beratung erstellt der Berater einen Bericht für die Pflegekasse. Dieser wird Ihnen in der Regel per E-Mail zugeschickt, sodass Sie nachvollziehen können, was dokumentiert wurde.
Videoberatungen sind keine Notlösung, sondern eine zukunftsweisende Form der Pflegeunterstützung. Sie ermöglichen kürzere Reaktionszeiten bei akuten Problemen. Sie erlauben flexiblere Terminplanung und eine intensivere Begleitung, weil Berater nicht mehr durch lange Anfahrten gebunden sind. Einige Beratungsstellen bieten mittlerweile sogar Quick Checks per Video an – 15-minütige Kurzgespräche zwischen den regulären Beratungsterminen, um drängende Fragen zu klären. Diese niedrigschwelligen Angebote reduzieren Ihre Unsicherheit im Pflegealltag. Gleichzeitig wächst die Akzeptanz bei älteren Pflegebedürftigen: Viele haben während der Pandemie Videotelefonie mit Enkeln oder Freunden entdeckt und empfinden die Technik mittlerweile als selbstverständlich.
Die wichtigsten Erkenntnisse
Die Pflegeberatung per Video hat sich von einer Notlösung zu einem gleichwertigen Standard entwickelt. Sie vereint rechtliche Sicherheit mit praktischer Flexibilität und eröffnet pflegenden Angehörigen neue Möglichkeiten der Entlastung. Besonders für Familien mit räumlicher Distanz oder beruflicher Einbindung ist die digitale Beratung ein Gewinn. Die wichtigsten Punkte im Überblick:
- Rechtliche Gleichstellung: Die Pflegeberatung per Video ist seit 2020 offiziell anerkannt und erfüllt die Anforderungen des §37 Absatz 3 SGB XI vollständig – Ihr Pflegegeld wird ohne Abzüge weitergezahlt.
- Zeitersparnis und Flexibilität: Videoberatungen ermöglichen Terminvereinbarungen außerhalb klassischer Bürozeiten und ersparen Ihnen und der pflegebedürftigen Person lange Anfahrten oder Wartezeiten.
- Ehrlichere Gespräche: Die räumliche Distanz schafft einen Schutzraum, in dem belastende Themen wie Überforderung oder finanzielle Sorgen leichter angesprochen werden können.
- Familiäre Einbindung: Angehörige an verschiedenen Standorten können problemlos zur Beratung hinzugeschaltet werden, was gemeinsame Entscheidungen erleichtert und die Pflegeverantwortung besser verteilt.
- Digitale Zusatznutzen: Videoberatungen eröffnen den Zugang zu modernen Koordinationstools, digitalen Kalendern und automatischen Erinnerungsfunktionen, die den Pflegealltag nachhaltig strukturieren und entlasten.